Ein Vater sitzt mit seiner kleinen Tochter am Wohnzimmertisch vor dem Laptop

Titelthema

sicher&gesund Ausgabe Oktober 2020

Homeoffice: Vertrauen schenken, Regeln aushandeln

Die Corona-Pandemie verstärkt den Trend zur Arbeit in den privaten Räumen. Im Gegensatz zur Telearbeit haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber hier einen hohen Bedarf an Absprachen.

Wenn über das Arbeiten in privaten Räumen gesprochen wird, dann geht es schnell durcheinander. Auf der einen Seite gibt es Telearbeitsplätze, deren Ausgestaltung über einen festgelegten Zeitraum zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer klar geregelt ist. Die Corona-Krise hat dagegen den Trend zum Homeoffice, der zweiten Variante des Arbeitens von zu Hause, gefördert. Bei diesen mobilen häuslichen Arbeitsplätzen sind weniger strenge Erwartungen, etwa an die ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, durch Verordnungen formuliert.

Im Fall der Arbeit im Homeoffice ist mehr Flexibilität und Selbstsorge gefragt als bei der Telearbeit, weiß Guido Pohlmann, Aufsichtsperson in der Präventionsabteilung der Unfallkasse Nord. „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten gerade im Homeoffice verstärkt auf ihren Körper hören“, sagt Pohlmann. „Wer achtsam ist, schützt sich vor krankheitsbedingten Ausfällen.“ Zur Selbstvorsorge gehöre es auch, den Arbeitsplatz passend einzurichten. Ein gut und ergonomisch gestalteter Arbeitsplatz beugt Verspannungen und schlecht durchbluteten Körperteilen vor. Der Küchentisch und die dort genutzten Stühle taugen zumeist nicht für einen Einsatz, der über mehrere Tage gehe.

Experten wie Pohlmann unterscheiden zwei Homeoffice-Arbeitstypen. Der eine Charakter verbindet Beruf und Privates, bringt etwa zwischendurch das Kind zum Kindergarten und arbeitet dafür am Abend noch die restlichen Aufgaben ab. Der zweite Typ dagegen trennt Beruf und Privates strikt. „Der Arbeitgeber muss deshalb seine Erwartungshaltung an die zwei Charaktere anpassen und unterschiedliche Konzepte erstellen“, sagt der Gesundheitsexperte. Führungskräfte müssen dem ersten Typ noch mehr Vertrauen entgegenbringen, dass die ausstehende Arbeit am Abend noch erledigt wird.“ Die Reaktionsgeschwindigkeit, etwa auf E-Mails, sei bei diesem Typus Arbeitnehmer häufig gedrosselt. Bei Mitarbeitenden, die Arbeit und Beruf trennen, könne man dagegen schnelle Antworten erwarten.

Generell ist Experten zufolge ratsam, auch bei der Homeoffice-Arbeit zunächst die Erwartungshaltungen von beiden Seiten abzugleichen und daraus folgend Regeln aufzustellen. „Beispiele sind hier die Erreichbarkeit und die Reaktionszeiten.“ In Fällen, in denen es einen Personal- oder Betriebsrat gibt, kann das über dieses Gremium einfach geklärt werden. Abzuraten sei von individuellen Absprachen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind zumeist in Teams organisiert, deshalb sollten die Fragen auch im Team besprochen und entschieden werden.

Im Homeoffice sind bekanntermaßen virtuelle Teams an der Tagesordnung. Für die Messbarkeit von Erfolgen und Zufriedenheit ist es am besten, wenn die Führungskraft für gleiche Rahmenbedingungen sorgt. Genauso wichtig ist, dass Führungskräfte kontinuierlich abfragen, wie die Stimmung in den Teams ist. „Führungskräfte müssen sich also überlegen, wie sie das Vertrauen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärken können“, sagt Pohlmann. Die Stimmung sei auch an die Mitwirkungsmöglichkeiten gekoppelt. „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten mitentscheiden, welche Arbeitsbedingungen sie haben“, sagt Pohlmann. „Entgrenzung ist negativ, wenn sie nicht selbst entschieden wird.“

www.dguv.de/de/mediencenter/pm/pressearchiv/2020/quartal_1/details_1_385472.jsp
Empfehlungen zur Einrichtung des heimischen Arbeitsplatzes von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV)

www.kommmitmensch.de/corona/herausforderung-homeoffice/
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Martin Scheele, freier Journalist