Weniger Kita-Lärm durch optimierte Akustik
Lena (Name v. d. Red. geändert) spielt mit gleichaltrigen Kitakindern in ihrem Gruppenraum. Konzentriert verfolgt sie, was um sie herum erzählt wird und stimmt in das anschließende Gelächter ein. Das Mädchen mit einem CI wird seit zwei Jahren in der Kindertagesstätte Morgenstern in Heide – einer Einrichtung mit derzeit 128 Kindern – betreut. „Generell war die Akustik wegen der recht hohen Räume schlecht und der Lärmpegel sehr hoch. Das war für uns alle ein Problem, doch speziell für Lena war es besonders schwierig“, erzählt die Kitaleiterin Manuela Spitzbarth. Das Kind sei mit der Flut von akustischen Reizen schnell überfordert gewesen und habe sich nicht konzentrieren können. Zunächst sei deshalb überlegt worden, nur den von ihrer Gruppe genutzten Raum mit einer Akustikdecke auszustatten, um dort die Nachhallzeit zu reduzieren.
Nach Umbau deutlich besser
Doch gemeinsam mit dem Träger – dem Zweckverband Kindertagesstätten Heide-Umland, der insgesamt acht Einrichtungen in der Region betreibt – sei entschieden worden, auch den dazugehörigen Gruppennebenraum, die Garderobe sowie den von Lena genutzten Sanitärbereich der Einrichtung entsprechend umzubauen. Wegen fehlender Erfahrungen wandte sich die Kitaleitung an die Unfallkasse (UK) Nord und bekam Unterstützung.
Einer Besichtigung folgte die Messung der Nachhallzeit. Eine qualifizierte Trockenbaufirma wurde gefunden. Das Messen der Nachhallzeit nach dem Einbau der Akustikdecke zeigte stark gesenkte und sogar halbierte Werte (siehe Tabelle). Manuela Spitzbarth bestätigt den wirkungsvollen Effekt: „Der Unterschied ist deutlich. Der Lärmpegel ist spürbar reduziert.“ Für den Träger ein Grund, Akustik-Baumaßnahmen in allen anderen Räumen der Einrichtung fortzuführen und bei einem Kitaneubau von vornherein mit einzuplanen. Und auch das nachträgliche Ausstatten weiterer Kitas mit geeigneten Akustikdecken ist vorgesehen.
Akustikberatung für Kitas & Schulen
Messtechnikerin Birte Weber von der UKN-Abteilung Prävention und Arbeitsschutz bietet Kitas und Schulen vor Ort eine Akustikberatung. Die Messtechnikerin hat mehr als 30 Jahre Erfahrung und gibt Kitaleitungen Tipps, wie sich Raumakustik effektiv optimieren lässt und worauf bei der baulichen Umsetzung zu achten ist.
Frau Weber, warum ist die richtige raumakustische Ausstattung in Einrichtungen für die Kinderbetreuung so wichtig – insbesondere in Räumlichkeiten, in denen Kinder mit einem CI betreut werden?
Der Geräuschpegel in Räumen ohne oder mit minderwertigen Akustikdecken schädigt zwar nicht direkt das Gehör. Aber das Sprechen, Hören und Lernen bei hoher Lautstärke erschweren Kommunikation und Aufmerksamkeit – besonders bei Kleinkindern. Diese sind auf optimale Hörbedingungen angewiesen, um sprachliche Informationen zu verarbeiten. Unzureichende Akustik führt zu erhöhten Nachhallzeiten und damit zu reduzierter Sprachverständlichkeit. Konkret werden nachfolgende Silben durch den zu langen Abklingvorgang der vorherigen Sprachsignale verdeckt. Was passiert? Um sich zu verständigen, wird immer lauter gesprochen. Der Lärmpegel steigt. Wir nennen das den Lombard-Effekt. Wenn Störschall den Raum beherrscht, ist das ganz besonders für Kinder mit CI ein Problem, die dann Akustiksignale nicht verarbeiten können.
Wo liegen die Schwierigkeiten bei raumakustischen Maßnahmen und wie sieht ihre Hilfe konkret aus?
Kitaleitungen oder Träger der Einrichtungen sind mit dem Thema meist überfordert. Da kommen zum Beispiel Angebote von Trockenbauern, die häufig falsch oder unzureichend sind. Doch wie sollen sie es denn beurteilen? Wenn ich um Hilfe gebeten werde, besichtige ich die Kitas, berate sie und zeige ihnen, worauf sie bei der Auswahl von Akustikmaterialien achten müssen. Der Kontakt erfolgt in der Regel über unsere Aufsichtspersonen, die regelmäßig vor Ort sind. Bei Neubauprojekten geben wir Bauplanenden und Architekt:innen unser „Positionspapier Akustik“. Daraus geht hervor, wie die raumakustische Situation in den einzelnen Räumen später gemäß DIN 18041 sein muss, sodass im Nachhinein kein Nachrüsten notwendig ist. Leider stehen oft optische Planungen im Vordergrund, anstatt auf eine nutzerfreundliche Ausstattung mit geeigneten Akustikdecken Wert zu legen. Nicht nur im Deckenbereich, sondern auch an Wänden lassen sich Flächen für eine gute Raumakustik nutzen.
Sie hatten es angesprochen: Woran lässt sich denn eine gute Firma erkennen?
Die Trockenbaufirma muss zumindest etwas mit der DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen – Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung“ anfangen können. Sie sollte in ihrem nach Räumen aufgeschlüsselten Angebot nur geeignetes Akustikmaterial anbieten, denn ich möchte nicht, dass Geld zum Fenster hinausgeworfen wird. Mir geht es um wirklich effektive Maßnahmen. Akustikmaterialien unterscheiden sich in ihrem Wirkungsgrad – dem Schallabsorptionsgrad. In Kindertagesstätten kommt überwiegend Akustikmaterial mit einem hohen Schallabsorptionsgrad von mehr als 0,95 zum Einsatz. Es ist eine Investition auf lange Zeit, und sowohl die Kinder als auch die pädagogischen Kräfte haben viele Jahre oder Jahrzehnte etwas davon. Räume ohne geeignete Akustikausstattung sind im Grunde für die Nutzung durch eine Kita nicht geeignet. Raumakustische Maßnahmen sind die Voraussetzungen für alle anderen Maßnahmen. Eine Kita, die darauf keinen Wert legt, steht eigentlich auf verlorenem Posten.
Messergebnisse
Messergebnisse der Nachhallzeit vor und nach der Ausstattung mit Akustikdecken am Beispiel der Kindertagesstätte Morgenstern in Heide:
| Nachhallzeit [s] | Nachhallzeit [s] | Nachhallzeit [s] | |
| Raum | Ohne Akustikdecke | Mit Akustikdecke | Sollwert gem. DIN 18041 (125 Hz–4 kHz) |
| Gruppenraum | 0,70 | 0,35 | 0,46 |
| Gruppennebenraum | 0,77 | 0,36 | 0,27* |
| Garderobe | 0,39 | 0,21 | – |
| Sanitärbereich | 0,68 | 0,42 | – |
* Bedingt durch die geringe Raumhöhe im Gruppennebenraum war hier keine Montage einer abgehängten Akustikdecke möglich. Der Sollwert konnte so nicht erreicht werden. In den Frequenzbereichen 250 Hz–4 kHz liegen die Nachhallzeiten aber innerhalb der Toleranzen gemäß DIN 18041. Bei der Direktmontage von Akustikdecken ist es schwierig, die Nachhallzeiten in den tiefen Frequenzen weit abzusenken. Dies ist häufig nur mit einem erhöhten finanziellen Aufwand möglich, aber nicht immer notwendig.
Nach dem Einbau von hoch schallabsorbierenden Akustikdecken konnten die Nachhallzeiten in den genannten Räumen als Maß für die Raumakustik stark gesenkt und in den Gruppenräumen sogar halbiert werden. Erwartungsgemäß sank der Lärmpegel in allen Räumen erheblich und die Sprachverständlichkeit verbesserte sich.
Vorgaben
Anforderung an die Raumakustik unter anderem für die Umsetzung von Inklusion gibt die DIN 18041 (03/2016) „Hörsamkeit in Räumen – Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung“ vor.
Die seit 1968 bewährte und 2004 bis 2016 überarbeitete DIN formuliert beispielsweise eindeutige Vorgaben für Alltagsräume, in denen gegenseitiges Hören und Verstehen von besonderer Bedeutung sind. Speziell unterschieden wird dabei nach der Nutzungsart der Räume.
Zutreffend für inklusive Kommunikation in Gruppenräumen von Kindertagesstätten ist die Nutzungsart A4.
Cochlea-Implantat
Ein Cochlea-Implantat (CI) ist eine elektronische Innenohrprothese, die bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit eingesetzt wird und die Funktion der geschädigten Hörschnecke (Cochlea) übernimmt. Es wandelt Schall in elektrische Impulse um, die den Hörnerv stimulieren, wodurch das Gehirn Geräusche als akustische Ereignisse wahrnimmt.
Das CI besteht aus zwei Teilen. Ein äußerlich getragener Soundprozessor nimmt den Schall auf. Eine Sendespule sendet die Informationen an ein unter der Haut liegendes Implantat, wo ein Elektrodenträger in der Cochlea den Hörnerv direkt stimuliert (anders als bei einem Hörgerät, das nur Schall verstärkt).
Adrienne Kömmler, freie Journalistin